Lyrikprojekt 2018/19

 

 

 

Im aktuellen Gedichtprojekt entwirft Sylvia von Keyserling Natur und vor allem Natur im urbanen Raum auf noch andere Weise als im Rosensteinzyklus. Hinzu kommt die Stadt selbst. Ein weiterer Themenbereich betrifft Wörter und Worte, gesprochene Sprache und den Schreibprozess.

 

Leseprobe

 

 

Flimmern

 

Geschwirr wie von Schwalben da draußen | leuchtend

ein Flimmern übern Himmelsschirm sehr fern gespannt

wollen die Sterne sich woanders anheften

wollen sie sich neu positionieren im Schweigen

entziffere ich den für Sterne befremdlichen Rhythmus

 

Das alles beim Öffnen des Fensters nachts halb drei

Mitte Mai keine Sternschnuppenzeit | ist dies ein

Feuerwerk nur für mein Auge für das stets wache

Auge der Nacht | ein Sterngetrudel Satellitengefunkel

ein Verglühen hoch über der Stadt gelesen von mir

 

 

 

Anden

 

Von oben besehen von sehr fern

vom Raum her breiten sich die

Anden aus wie zerknittertes

Tuch gecrasht | dichter gewoben

wo der Fluss sich schlängelt

 

Oder wie so ein Natronpack ge-

knüllt und wieder auseinander

gezerrt | achtlos hingeworfen das

Tuch das Papier die gefalteten

Berge vor dem Auge der Kamera

 

 

 

 

 

 

 

 

 

in: VON APRIKOSEN UND ANGSTHASEN, Anthologie

Hrsg. Astrid Braun, Lindemanns Bibliothek, Info Verlag Karlsruhe 2016, S. 111-116

und in: Versnetze_9, Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart, Hrsg. Axel Kutsch, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2016, S. 232